Die Hauptfigur Ihres Romans ist ein berühmter Jazzmusiker und lebt in Los Angeles. Warum L.A.?

Zunächst einmal habe ich einen Großteil des Buches in L.A. geschrieben. Ich wohnte zu der Zeit in einem Haus in West Hollywood in der Nähe des Chateau Marmonts, kannte L.A. aber auch schon vorher, weil ich immer mal wieder dort gelebt habe. Eine der faszinierendsten Seiten dieser Stadt ist, dass dort immer die Sonne scheint, alle glücklich sein sollten und trotzdem das Grundwasser voll von Stimmungsaufhellern ist. Jeder lebt in seiner Blase, fährt alleine mit seinem Auto durch die Gegend und ist in dem gefangen, was er gerne darstellen würde. Yoga, Therapie, Sport – alle sind permanent mit der Selbstverwirklichung beschäftigt und dabei doch bei allem einsam. Das Buch ist eine Ballade an die Einsamkeit. Und dafür ist L.A. ein guter Handlungsort.

Wie macht sich diese Einsamkeit in der Stadt bemerkbar?

Ich denke, die Einsamkeit rührt von der Paranoia her, die in dieser Stadt herrscht. Viele Leute leben hinter einer narzisstischen Fassade, die paranoides Verhalten entstehen lässt. Denn man vermutet ja ständig, dass die anderen genauso wie man selbst eine Fassade aufrechterhalten. Fatal am Verbergen und am Lügen sind ja nur zum Teil die Gewissensbisse. Schlimmer ist, dass man denkt, die anderen lügen genauso. Das ist die Vorhölle. Ausdruck des Ganzen sind die vielen Häuser in L.A., die oft wie Festungen aussehen, mit hohen Mauern, Kameras usw.

Und in so einem Haus wohnt der Jazzmusiker Harry Cubs.

Ja, und sein Haus hat einen Panic Room. Auf die Idee dazu kam ich durch eine Freundin, die nach einem Haus suchte und dabei eine Villa in Beverly Hills besichtigt hatte. »Ein wunderschönes Haus, aber stell dir vor, die haben einen Panic Room«, erzählte sie mir, und wir beide waren sehr irritiert von der Vorstellung. Wie viel Angst muss man haben, um sich einen solchen Raum zu bauen? Wie sehr muss man sich vom Leben terrorisiert fühlen? Der letzte Rückzugsort, der aber auch zum Gefängnis werden kann. In einem solchen Haus könnte ich nicht leben.

Harry Cubs ist ja nicht nur einsam und lebt in einer Trutzburg, er wird auch zum Entführer.

Mich trieb schon länger die Geschichte von Natascha Kampusch um. Mein Mann hatte zum Zeitpunkt seines Todes an der Verfilmung des Falls gearbeitet, und wie alle seine Projekte bestimmte auch dieses unser Leben komplett. Es verfolgte uns bis in unsere Träume. Der Fall verstörte mich zutiefst. Und ich hatte es mit einer Frau zu tun, die eine absolute Heldin ist und gleichzeitig schwer traumatisiert. Ich war komplett überfordert. Einem so schrecklichen Verbrechen so unmittelbar ins Auge zu schauen, dem war ich nicht gewachsen. Um mit der Situation klarzukommen und sie auch, wenn überhaupt möglich, zu verstehen, begann ich, Erfahrungsberichte von Entführungen zu lesen, die von Reemtsma zum Beispiel. Ich habe mich darüber informiert, wie Geist und Körper mit Traumata umgehen. Gleichzeitig merkte ich, dass das, was mich an der Geschichte interessierte, nicht der Kriminalfall war, sondern ihr mythologischer Kern. Ihre mythologische Überhöhung. Denn nur so war für mich erklärbar, warum gerade diese Entführung weltweit die Menschen berührt hat. Natürlich ist es eine Frage der Interpretation, aber ich sah darin eine Mischung der Geschichte von Narzissus und Echo sowie dem Märchen von Pygmalion. Diese Themen ließen mich nicht los, wohl auch deswegen nicht, weil davon auch die letzten Unterhaltungen handelten, die ich mit meinem Mann geführt hatte. Dann traf ich auf der Premiere von Amour den Filmemacher Michael Haneke, der die Kampuschgeschichte gut kannte. Ich erzählte ihm, was mich so beschäftigt, und er meinte, dass man sich ganz von der eigentlichen Geschichte befreien, etwas ganz anderes erzählen, den inneren Kern aber beibehalten solle. Das war für mich wie eine Erlösung: Plötzlich hatte ich quasi die Erlaubnis, die Realität einfach zu vergessen und das zu erzählen, was mich wirklich interessiert. Danach setzte ich mich hin und begann zu schreiben.

Wie hat sich Ihre Situation auf den Inhalt des Romans ausgewirkt?

Ich war nach dem Tod meines Mannes ähnlich einsam wie Harry Cubs. Mit Harry Cubs habe ich der Einsamkeit und all ihren hässlichen Geschwistern, wie z. B. dem Misstrauen und der Zwanghaftigkeit, eine Gestalt gegeben. Eine der ersten Szenen, die ich geschrieben habe, war die, in der sich eine Krabbe auflöst, während Harry Cubs in einem Sushi-Restaurant sitzt. Ich habe so etwas Ähnliches einmal erlebt. Es war während der Filmfestspiele in Cannes vor langer Zeit. Ich war Pressebetreuerin, hatte totalen Stress und starrte in ein Aquarium im Eingang eines Fischrestaurants. Auf einmal löste sich vor mir eine Krabbe auf, und ich fühlte diesen unerklärlichen, existenziellen Horror. Das war die Schlüsselszene, anhand derer ich die Figur von Harry Cubs entwickelt habe.

Endete mit dem Roman das Gefühl der Auflösung?

Ja, das Schreiben war für mich eine Befreiung. Ein Schritt nach vorne in ein neues Leben, jenseits des Witwendaseins.

Wieso wollten Sie sich in die Rolle des Täters hineindenken?

Dadurch, dass ich aus der Sicht des Täters geschrieben habe, sind die Handlungen des vermeintlichen Opfers überraschender. Ich wollte eine Heldin schaffen, von der der Leser auf den ersten Blick denkt, sie sei das ultimative Opfer, denn wir identifizieren uns ja am Anfang noch mit dem Täter. Erst nach einer Weile erkennen wir das Grauen seines vermeintlichen Gutmenschentums. Ich wollte einfach wissen: Was geht in diesem Menschen vor? Einem Menschen, der mit seiner Prominenz nicht umgehen kann, der ein privates und ein öffentliches Ich besitzt und beide nicht in Einklang bringen kann, was ihn zerreißt. Bei Harry Cubs sind die drei Ebenen, die des Ichs, des Es und des Über-Ichs, im permanenten Konflikt. Ich glaube, das ist eine Eigenart des Konzepts »Star« – und damit eines Typus Mensch, der enorm wichtig ist für die Gegenwart. Weil im Star allgemeine Tendenzen – etwa die Inszenierung des Lebens – auf die Spitze getrieben sind.

Sie sind durch die Ehe mit Bernd Eichinger selbst prominent geworden. Wie war für Sie der Übergang von privater zu öffentlicher Person?

Ich bin nach dem Abitur nach London gezogen, um zu studieren. Mein Leben dort war sehr anonym. Ich bin erst wegen Bernd wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Plötzlich stand ich mehr im Mittelpunkt. Es ist schon ein seltsames Gefühl, wenn man einen Raum betritt und alle wissen, wer man ist, man selbst kennt aber kaum jemanden. Ich hatte das Gefühl, ich lebe wieder auf dem Dorf bei Kassel, in dem ich aufgewachsen bin. Alle kennen einander, es wird wahnsinnig viel geredet und getratscht. All diese Negativstimmen, all die Vorurteile, die man dabei zu hören bekommt, habe ich übrigens dem psychotischen Jazzmusiker Harry Cubs, der sehr selbstgerecht ist, in den Mund gelegt. Das hat großen Spaß gemacht – und war meine Art, das zu
verarbeiten.

Nochmal zurück zum Panic Room. Was hat es damit auf sich? Was interessiert Sie daran so sehr?

Nun ja. Die Idee des Panic Rooms ist das Haus als Widerspiegelung der Seele. Es ist der Ort der Sicherheit, nach dem wir uns alle sehnen, der aber nicht wirklich existiert. Und wenn wir ihn uns schaffen, dann wird er schnell zum Gefängnis. Harrys Untergang besteht darin, dass er Verwundbarkeit nicht akzeptieren kann. Ständig will er sich und die Welt in Sicherheit bringen. Das ist unmöglich, es gibt keine Sicherheit. Sobald man etwas für immer festhalten will, zerstört man es. Der Grund, warum ich meine alten Autos so mag, obwohl sie ständig kaputtgehen, ist, dass man sie reparieren kann. Maschinen sind da anders als Menschen. Ein ausführliches Gespräch mit dem Mann vom ADAC oder mit meinem Vater oder dem Automechaniker hat für mich etwas Beruhigendes. Meinen alten Porsche in der Garage einzusperren, ist für mich keine Option.