Metrolit

Editorial Nr. 5 - Wo wir sind

der Februar steht bei METROLIT ganz im Zeichen von Bob Dylan. In dem Roman »Catfish« begibt Maik Brüggemeyer sich auf die Suche nach dem geheimnisvollen Musiker und trifft auf einer langen Reise durch die USA zahlreiche Typen, die Dylan zum Verwechseln ähnlich sehen. Mit ihnen geht Brüggemeyer der Frage nach, was wir von Bob Dylan über das Leben lernen können. Eine ganze Menge, wie sich herausstellt, denn ein ums andere Mal scheint Dylan selbst das Wort zu führen. Das ist nicht nur erhellend, sondern auch sehr unterhaltsam.

Einen ganz eigenen Sound hat auch Boris Pofalla für seinen Debütroman »Low« gefunden: Unaufgeregt und lässig im Ton, erzählt Pofalla die Geschichte von zwei Freunden, die den Sinn ihres Lebens darin begreifen, sich der Welt zu entziehen: der Gesellschaft, dem Alltag, jeder normativen Kraft. Doch eines Tages verschwindet einer der beiden plötzlich und den Ich-Erzähler überfällt eine nie gekannte Verlorenheit. Die Suche nach seinem Freund wird zur Sinnsuche und am Ende steht die Erkenntnis, dass man sich allem entziehen kann, nicht aber sich selbst.

„Forever and Forever“ heißt der Trailer Park im sonnigen Florida, in dem unzählige Rentner ihrem Ende entgegendämmern, bis die Ruhe durch die Ankunft einer jungen Frau empfindlich gestört wird. Ihre erotische Ausstrahlung weckt bei den Rentnern längst vergessen geglaubte Begierden und statt beschaulicher Spielenachmittage hält der Wahnsinn Einzug. Mit »Florida Forever« von Harry Crews setzen wir unsere Noir-Reihe fort. Kein düsterer Südstaaten-Noir, sondern eine turbulente Satire auf die Überalterung der Gesellschaft und ein Blick in die seelischen Abgründe des amerikanischen Prekariats.

Einer ebenfalls bewegten Zukunft sieht Andre Wilkens entgegen: „Die Digitale Revolution, ist wie die Industrielle, nur auf Speed“ heißt es in seinem Sachbuch »Analog ist das neue Bio«. Er beschreibt darin unseren digitalen Alltag, die damit verbundenen Risiken und Nebenwirkungen, und er analysiert, welche Strategien und Ideen notwendig sind, um auch zukünftig menschlich und selbstbestimmt zu leben. Ein Buch, das alle angeht, viele Fragen stellt und wichtige Antworten gibt.

Wie Menschlichkeit vor allem in krisenhaften Zeiten verloren gehen kann, thematisierten bereits »Blutsbrüder« von Ernst Haffner und Georg Finks »Mich hungert«. Nun folgt mit »Der Sonnenwächter« von Charles Haldeman eine weitere Wiederentdeckung im Hause METROLIT. Die Handlung des Romans setzt 1920 ein und erzählt die abenteuerliche Odyssee eines Mannes, der als Kind deportiert wird und Ausschwitz überlebt, nur um dann in das nächste Lager gesteckt zu werden. Zunächst verschlägt ihn das Schicksal in die USA, ehe er sich im kriegszerstörten Deutschland der 1950er-Jahre wiederfindet. Dieser Roman hat alles, was große Literatur auszeichnet: eine fantastische Sprache, eine atemberaubende Geschichte und er ist zudem eine Hommage an die Literatur der Moderne und an den Verleger und Lyriker Rainer Maria Gerhardt, einem der bedeutendsten Literaturvermittler der jungen Bundesrepublik.

Bisher trat Katrin Rönicke vor allem als „Netzfeministin“ und Bloggerin in Erscheinung. In ihrem Buch widmet sie sich nun umfassend dem Thema der Geschlechterrollen – sie sind allgegenwärtig, sie geben vor, wie wir auszusehen, zu sprechen und zu arbeiten haben. Sie legen fest, wo wir uns einmischen dürfen und wo nicht. Das alles gilt für Männer genauso wie für Frauen. Doch was genau machen diese Rollen mit uns, und wie können wir ihnen entkommen?

Kein Entkommen gibt es vor Ed Piskor und der Geschichte des Hip Hop. Nach »Hip Hop Family Tree Volume 1« schreibt der zweite Band die Geschichte des Hip Hop fort und behandelt die Jahre 1981-1983, illustriert und in Szene gesetzt von dem Shooting-Star der amerikanischen Comic-Szene – hooray!

Wir wünschen viel Spaß beim Entdecken!
Das METROLIT-Team

Lars Birken-Bertsch Lars Birken-Bertsch-Zitat

Lars Birken-Bertsch

(Marketing)

So kam ich in die Buchbranche:
Eigentlich wollte ich immer Kunstbuchhändler werden. Da das nicht geklappt hat, habe ich in einer Unibuchhandlung gelernt, dann Praktikum im Verlag, später auch eigener Verlag …

Life-changing Leseerfahrung:
Das wusste ich mal mit 18 …

Diese Seite ist bei mir am Rechner ständig offen:
www.bookcoverarchive.com – Ein amerikanisches Online-Archiv für Buchcover und deren Gestalter.

So entdecke ich spannende neue Literatur:
Gespräche, im Austausch.

Nachtschichten überstehe ich…
Nur im Team.

Schönstes Zitat aus dem aktuellen METROLIT-Programm:
Helmut Wietz, Der Tod von Adorno: »Lass uns erstmal tanken.«

Peter Graf Peter Graf-Zitat

Peter Graf

(Verlagsleiter)

So kam ich in die Buchbranche:
Lesen gelernt – Lesen lieben gelernt – irgendwann eine Literaturzeitschrift gegründet und herausgegeben, um irgendwann endlich selbst einen Verlag zu gründen …

Diese Romanfigur wäre ich gerne:
Rameaus Neffe, von Diderot. Er, Neffe des berühmten Musikers Jean-Philippe Rameau, ist ein Schnorrer an den Tischen der Reichen, die er mit Witz, geistreichen Bemerkungen, philosophischen Absurditäten und Beschimpfungen unterhält.

Life-changing Leseerfahrung:
J. D. Salinger, »The Catcher in the Rye«: »Falls Sie wirklich meine Geschichte hören wollen, so möchten Sie wahrscheinlich vor allem wissen, wo ich geboren wurde und wie ich meine verflixte Kindheit verbrachte und was meine Eltern taten, bevor sie mit mir beschäftigt waren, und was es sonst noch an David-Copperfield-Zeug zu erzählen gäbe, aber ich habe keine Lust, das alles zu erzählen.«

Diese Seite ist bei mir am Rechner ständig offen:
Die Bildergalerie auf der offiziellen Website der Demokratischen Volksrepublik Korea: www.korea-dpr.com/gallery.html.

Marie Claire Lukas Marie Claire Lukas-Zitat

Marie Claire Lukas

(Presse- und Öffentlichkeitsarbeit)

So kam ich in die Buchbranche:
Das habe ich mir ganz am Anfang meines Studiums so ausgedacht, ohne wirklich zu wissen, was das bedeutet … und dann war es wie mit Spurrillen.

Life-changing Leseerfahrung:
Dr. Oetker, »Backen macht Freude«. Zitat: »Man kann Apfelkuchen sehr fein auch mit Kirschen zubereiten.«

So entdecke ich spannende neue Literatur:
Das Lawinenverfahren: Ich gucke in jedes Regal, befrage jeden, lese jede Empfehlung und es bleibt ein riesiger, nie zu bewältigender Berg.

Diese Musik läuft, wenn es gerade stressig ist / wenn es gut läuft
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In beiden Fällen: Vicky Leandros, »Ich liebe das Leben«. Das hat irgendetwas mit meiner Heimatstadt Köln zu tun.