Kitty schlüpft aus dem Ei

Am 1. November 2014 wird Hello Kitty 40 Jahre alt. Dass es so weit kommen würde, konnte am 14. November 1974 niemand ahnen. Sie war kein Kind der Liebe. Als Shintaro Tsuji, Gründer der japanischen Firma Sanrio, sie zum ersten Mal sah, war sein erster Gedanke: Ich hätte lieber einen Hund gehabt. Seine ersten Worte immerhin: »Ja, nicht allzu schlecht.«
Zuvor hatte er die Designer seiner Firma angehalten, niedliche Tier-Figuren zu entwerfen, die Geschenkartikel schmücken könnten. Yuko Shimizu, eine junge Künstlerin, die bei ihm in Lohn und Brot stand, entwarf daraufhin eine weiße Katze mit Knopfaugen, gelber Nase, sechs Schnurrhaaren und einem Kopf, der doppelt so groß war wie ihr Körper. Über ihrem Kopf stand das Wort »Hello« geschrieben. Der Rest ist Geschichte. Aber keine geradlinige.
Insbesondere von Geschichte nämlich wollte Tsuji nichts wissen. Dabei hatte Shimizu sich große Mühe gegeben, ihre Kreation mit einer auszustatten: Hello Kitty heißt eigentlich Kitty White, lebt in einem Vorort von London, hat Eltern, Großeltern, Freunde, Hausaufgaben, Vorlieben und Abneigungen. Sie ist sogar ein Tier, das selbst Haustiere hält. Beflügelt von ihren Lieblingsbüchern Alice im Wunderland und Alice hinter den Spiegeln, hatte sich die Erfinderin Kitty als Mittelpunkt einer komplexen Erzählung gedacht. Ihr Auftraggeber wollte aber nur einen Stichwortgeber, und so sagte Kitty einfach nur: »Hello.«

Das tat sie zum ersten Mal auf einer Geldbörse für junge Mädchen, die zunächst ausschließlich in Tokyo vertrieben wurde. Sie verkaufte sich gar nicht schlecht und so begann ein schleichender Siegeszug durch ganz Japan. In den Siebzigern begannen die Schülerinnen des Landes, ihre handschriftlichen Arbeiten und Mitteilungen mit verniedlichter Schrift und drolligen Symbolen zu individualisieren. Da kam es gerade recht, dass Kitty-chan, wie sie nach der japanischen Anrede für Freundinnen und kleine Mädchen noch heute von ihren Anhängern genannt wird, verstärkt auf Schreibwaren platziert wurde.

Bald schon war Japan nicht genug. Shintaro Tsujis großes Vorbild war Walt Disney, deshalb musste Kitty-chan hinaus in die Welt, insbesondere nach Amerika. Bereits 1969 gab es in San Francisco den Strawberry Shop, der ausschließlich Sanrio-Produkte verkaufte. 1976 kam Kitty nach. Anfangs wurden ihre Produkte nur in einem einzigen Laden in einem kalifornischen Einkaufszentrum verkauft, doch das so erfolgreich, dass die anderen Läden sie dort auch verkaufen wollten. Die Saat war gesät. Ab 1980 wurde von Hamburg aus Europa erobert, 1987 war Südamerika dran, für die asiatische Ausbreitung machte die Tokyoter Mutterfirma Niederlassungen in Hongkong und Taiwan auf.

Pink macht glücklich

Mit dem globalen Erfolg des Kätzchens hatten nicht nur Shintaro Tsuji und Yuko Shimizu nicht so recht rechnen wollen (Shimizu verließ Sanrio und Kitty nur ein Jahr nach der Geburt), auch anderen ist das Phänomen ein einziges Rätsel. Eine Katze ohne Geschichte und Sinn – was soll das alles? Was will uns das sagen? Die Antworten werden von Kitty selbst nicht zu bekommen sein, und genau das ist einer der Haupt-Kritikpunkte an ihr: Sie hat keinen Mund. Nach feministischem Verständnis ist ein Mund aber zwingend zur Kommunikation und Willensdurchsetzung notwendig. Kitty gäbe also gerade denen ein schlechtes Beispiel ab, die ihr besonders verfallen sind: jungen Mädchen. Yuko Yamaguchi, seit 1980 Chefdesignerin der Kitty-Welt, kontert: Kitty habe keinen Mund, weil jeder die eigenen Gedanken und Gemütszustände auf sie projizieren solle. Kitty sei obendrein eine Zuhörerin, keine Schnackerin. Yamaguchi ist auch dafür verantwortlich, dass Kitty pink wurde, nachdem ihre Welt ursprünglich kräftigere Farben dominiert hatten. Kritik daran mag die Designerin ebenso wenig hören wie Kritik an der Mundlosigkeit. Sie findet nicht, dass Pink unterdrückt. Sie sagt: »Pink macht glücklich.« Sie muss es wissen. Sie sitzt heute im Vorstand von Sanrio, meist in pinken Kleidern.